Wie lernt man singen?

Wie lernt man singen?

Bereits in früheren Beiträgen habe ich dargelegt, dass das Produzieren von „Tönen“ – sei es mit Instrument oder mit der menschlichen Stimme – ästhetischen Ansprüchen entsprechen muss : krähen oder sägen wird vom Hörer abgelehnt und auch die Ausführenden halten Musizieren oder Singen mit fehlender Tonqualität nicht lange durch.
Demonstrativ für meine These möchte ich eine Kritik über einen Liederabend des Jahrhundert-Sängers Dietrich Fischer-Dieskau erwähnen:
„D.F-D. könnte das Telefonbuch vorsingen, die Säle wären ausverkauft und das Publikum wäre begeistert“.

Die alles entscheidende Frage: Wie lernt man „schön Singen“?


Die üblichen Wege :
a) Unterricht bei einem Gesangspädagogen
b) Singen in einem Chor, der eine gute Stimmbildung anbieten kann.

Ein weiterer häufiger Weg : das Nachahmen.
a) Ein mir bekannter Volksschullehrer (Geburtsjahr etwa 1910) fand die Stimme von Julius Patzak ideal, lauschte diesem Sänger häufig am Radio und ahmte dessen Technik nach. Der Erfolg: Er wurde ein vielbewunderter Sänger, der gelegentlich für einen Opernsänger gehalten wurde, obwohl er keine einzige Gesangsstunde besucht hatte.
b) Vor Jahrzehnten offerierte ich Gesangssudenten eine stimmtechnische Analyse mit Hilfe von Phonetogrammen und Sonagrammen (elektroakustische Methoden). Unter den Interessenten fand sich ein stimmlich begabter Bassist, dessen Singstimme jedoch der recht klangvollen Sprechstimme nicht entsprach: Die Stimme klang „unansehnlich“, matt, mulmig. Zwei Jahre darauf hörte ich ihn wieder singen als Bassisten in einem Soloquartett. Die Stimme besaß jetzt ein strahlendes Timbre und die Technik überzeugte. Der junge Mann erinnerte sich sofort an unsere frühere Begegnung und gab mir folgende Erklärung: Zunächst studierte er an seiner Hochschule zu Ende und schloss die Ausbildung mit einem Examen ab. Die Stimme verfügte aber kaum über Qualität und an ein Engagement war nicht zu denken. Da verfiel er auf die „Methode des Nachahmens“: Sein Favorit war Cesare Siepi (der von Experten das Etikett „basso balsamico“ erhalten hatte). Er besorgte sich mehrere Schallplatten (vor der Epoche der CD-Ära) und versuchte den Sänger zu imitieren. Nach ein oder zwei Jahren hatte er von der Technik und der Kondition dieses Sängers so viel assimiliert, dass er als Solist reussieren konnte.

Wahrnehmungen bei Laien:
Dass Schulklassen und oft auch Laienchöre mit viel Begeisterung meist nur krähen habe ich mehrmals dargelegt.
Aber man findet auch Gegenbeispiele :
Vor etwa zwei Wochen machte ich bei einem Waldspaziergang einen Abstecher in die Gnadenkapelle von Maria-Eich.
Im Kirchenraum verrichteten 6 Frauen im Alter von 65 – 85 Jahren eine Andacht mit Gebeten und Liedern. Der unbegleitete Gesang war in Tonschönheit und Intonation so makellos, dass ich längere Zeit ergriffen lauschte (und schließlich mitsang).

Nun stellt sich die Frage:
Woher bezogen die Pilgerinnen ihre „Technik“ und warum können Kinder und Jugendliche meist nur krähen?
Die Antwort dürfte jetzt einfach sein. Ursache sind die Vorbilder.
Die genaue Untersuchung dieses Phänomens finden Sie im nächsten Beitrag.
Es dürfte für Sie anregend sein und Ihnen Vergnügen bereiten, über die Vorgänge nachzugrübeln!

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