Deutschland singt wieder

Deutschland singt wieder

Von wegen! Wenn dem so wäre, hätte ich diesen Artikel nicht verfasst. Richtiger hat dies wohl ein anderer Autor gesehen und publiziert, der da schrieb „Deutschland schafft sich ab“, und er meinte auch Musik und Singen.

Jetzt also zum Singen!

Am Wollen und an gut gemeinten Versuchen fehlt es wahrlich nicht. Wenn aber die fachlichen Kenntnisse und Erfahrungen fehlen, geschieht eben, was geschieht: Die Kinder in den Schulklassen (Grundschule!) krähen: Sie sprechen den Liedertext statt ihn zu singen, und das meist auf falschen Tonhöhen.

Jetzt will ich zeigen, woran es hakt!

Gut lässt sich das an einem Beispiel erklären: Nehmen wir an, Anne-Sophie Mutter begibt sich aufs Konzertpodium und entdeckt kurz vor ihrem Einsatz, dass auf ihrer Geige die drei Saiten d1, a1 und e2 abmontiert sind. Sie soll also ihr Violinkonzert allein auf der G-Saite (Tonhöhe „klein g“) spielen. Nehmen wir weiter an, sie würde diesen Versuch riskieren. Es würde zu einem Fiasko: Die Töne der Mittellage wären ästhetisch total entstellt und die Töne der Hochlage wären unspielbar. Weiter sei angenommen, Mutter versuchte auch diese Töne zu spielen. Diese würden dann völlig falsch, d.h. viel zu tief „erklingen“.

Genau analog zu diesem erdachten Modell geschieht heute das vermeintliche Singen.

Die menschliche Stimme wird bekanntlich mit mehreren Instrumenten verglichen (mit Trompete, Oboe und eben auch mit einem Streichinstrument). Jeder Vergleich enthält ein Körnchen „Wahrheit“, so auch der Vergleich mit der Violine:

Gesangsexperten (im Belcanto!) und Stimmforscher haben schon früh entdeckt, dass das System Stimme physiologisch betrachtet keine „Einheit“ darstellt. An gewissen Stellen, den sogenannten Registerübergängen („Umschaltstellen“) schaltet die Konsistenz der Stimmlippen um (Länge, Massenbelegung, Spannungsgradient; Justierung des „Sängerrohrs“), der Sänger wechselt so von einem Klang-Bereich (Fachausdruck „Register“) in den nächsten Bereich. Im allgemeinen geschieht dieser Wechsel so kontinuierlich, dass er vom Hörer und möglichst auch vom Sänger selbst nicht bemerkt wird. Ausnahme bildet das Jodeln, wo der Registerwechsel bewusst hörbar sein soll und sogar trainiert wird.

Jetzt zum Vergleich Geige und Stimme!

Wie die Geige vier Saiten hat, besitzt die menschliche Stimme vier sog. Register.

Dem Spielbereich der G-Saite ist das „Brustregister“ zuzuordnen (besser wäre der Ausdruck „Tiefregister“). In der allmählichen Entwicklung der Popmusik hat sich die „Mode“ durchgesetzt, nur im Brustregister zu singen. Aus physiologischer Sicht kann bei der Frauenstimme nur der Bereich „von unten“ bis zum f1 (Bereich des Brustregisters) als Singen bezeichnet werden, die über dem f1 liegenden Töne (zunächst das Mittelregister) werden gestemmt, gepresst, geschrien, eben „gekräht“. Sie sind in der Regel falsch und werden bei der käuflichen Ware durch die Techniker nachträglich korrigiert. Da die entartete „Technik“ in nahezu allen Konserven dominiert, lernen unsere Kinder, dass Singen eben „so geht“.

Das Ergebnis:

Die „hohen Töne“, Töne von c2 an aufwärts, sind unsingbar und werden entweder viel zu tief gekreischt oder gleich ganz weggelassen. Die falsche Intonation der hohen Töne infiziert das Mittelregister (etwa e1 bis h1), sodass im Endeffekt die Intonation des ganzen Liedes verunglückt. Dieses „Missgeschick“ ist heute so präsent, dass Herr und Frau Meier meinen, „Kinder singen eben so“.

Jetzt muss nur noch die obige Überschrift zurecht gerückt werden: Kinder singen tatsächlich gerne, und wenn ihre Stimme durch einen Fachmann „aufgeschlossen“ würde, wäre die Freude und Begeisterung um ein Vielfaches größer!

Somit könnte eine positive Überschrift lauten:

Deutschland könnte wieder singen – wenn man Fachleute einstellen würde.

Fazit: Das Projekt „Singen“ müsste von engagierten Bürgern durchgefochten werden. Es würde sich lohnen – für unsere Nachkommen.

 

München, den 11.06.2015

Prof. Dr. Franz Brandl

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