Stimmbildung (2)

Stimmbildung ja, aber wie? (2)

 

Wer sich der Aufgabe Stimmbildung stellt, wird unweigerlich auf

zwei grundsätzliche Ausbildungsrichtungen stoßen.

 

Schon relativ früh, mindestens ab der Zeit des belcanto, hat man einerseits nach naturwissenschaftlichen Kenntnissen und andererseits mit einer Art Bildersprache gearbeitet. Diese „Zweiteilung“ hat sich bis heute behauptet.

 

A. Die traditionelle Methode (TM)

Der Pädagoge versucht, durch „Vorstellungshilfen“ die Einstellung und den Bewegungsablauf des gesamten an der Tonbildung wirkenden Systems zu steuern. Der Lehrer besitzt gründliche Erfahrung in seiner Wahrnehmung. Er bietet dem Schüler sog. „Hilfsvorstellungen“ oder „Bilder“ an und kontrolliert ständig, ob und wie das Stimmorgan darauf anspricht. Dazu einige Beispiele solcher „Bilder“, deren es Hunderte gibt :

(1) „cantare delle ochi“ : der Sänger soll empfinden, er sänge durch die Augen;

(2) Der Ton entströmt einem Zentrum, das sich (a) in der Nasenwurzel, oder (b) in der Mitte der Oberlippe, (c) 30 cm vor der Mundöffnung usw. befindet;

(3) der Ton „dampft“ nach oben durch die Schädeldecke;

(4) der ganze Körper ist ein einziges schwingendes Instrument;

(5) der Ton „entsteht“ im Bauch, ev. im Nabel;

(6) der „Tonstrom“ schlägt gegen das Brustbein;

(7) der Gesichtsteil wird als „Maske“ wahrgenommen, in die der Sänger hineinsingt und die den Ton abstrahlt;

(8) der Ton hat einen „Sitz“, d.h. ein Zentrum, von dem aus er „ausstrahlt“, bis er schließlich das Ohr des Hörers erreicht;

(9) der Sänger „sieht“ den produzierten Ton in einer „ästhetischen Form“ außerhalb seines Körpers, in einem geometrischen Abbild wie einer farbigen Kugel, einem Baumstamm, einer Wolke oder einer ganz abstrakten Figur. Diese Form kann er (durch Singen) verändern;

(10) Man denkt sich den Ausgangspunkt des Tons an eine bestimmte Stelle, aus der man ihn herbeiholt: mittels einer Spule, eines gespannten Gummibandes u. dgl.

Im Wesentlichen wird die Korrelation der Tonqualität mit dem „Bild“ entwickelt, also geschult.

Lehrer und Sänger wissen, dass solche Vorstellungen irreal sind, dass sie aber richtige Stellungen und Bewegungsabläufe initiieren können. Die Kunst bei diesem intuitiven Unterricht besteht darin, dass der Lehrer die Klangproduktion genau kontrollieren muss und demnach auch die „Bilder“ variiert. Voraussetzung ist dabei ein hochsensibel geschultes Ohr sowie psychisches und körperliches Einfühlungsvermögen.

 

B. Die physikalisch-physiologische Methode (PM)

Der Lehrer arbeitet einerseits am Generator (Einstellung der Stimmlippen nebst Rahmenfunktion) und schult so die Klangproduktion. Andererseits „formt“ er die Resonanzräume, im Wesentlichen also das „Sängerrohr“, das den Klang verstärkt und veredelt. Die Schwierigkeit ist hier, wie auch bei der traditionellen Methode, dass die Einstellungen und Muskelaktivitäten nicht wie bei einer sportlichen Übung bewusst steuerbar sind, sondern unbewusst angeregt werden müssen (wie z.B. auch die Herztätigkeit, das gesamte Verdauungssystem oder der Wärmehaushalt im Körper).

Entscheidend bei der PM ist, dass der Lehrer die physiologischen Abläufe kennt und kontrollieren kann. Die wichtigsten „Zugriffe“ bekommt man wohl durch

(1) die Mimik,

(2) Körperhaltungen,

(3) durch die Einstellung der Klangproduktion,

(4) durch die Arbeit mit den Vokalformen und

(5) wie übrigens auch bei der TM : durch „Hören“.

Aus dieser Analyse müssen Folgerungen gezogen werden, die im nächsten Beitrag erläutert werden.

 

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